Liebe Leserinnen und Leser,
wir präsentieren an dieser Stelle für Sie die köstliche Geschichte von der Eröffnung der Wandelhalle so, wie sie sich 1906 abgespielt haben mag und vom damaligen Burghauptmann Herrmann Nebe später aufgeschrieben wurde.
Die Geschichte wurde in einem kleinen Büchlein mit dem Titel "Lachende Heimat" veröffentlicht und spart nicht mit feinsinnigem Spott über so manche Provinzposse jener Tage.
Die Stiftung Wandelhalle wird diese Geschichte in Ihrer Festbroschüre zum 100. Jubiläum veröffentlichen.
Der Ehrentrunk
Die Einwohnerschaft der kleinen herzoglichen Residenz an der Hörsel war in großer Aufregung. Ein Festtag von Bedeutung stand unmittelbar bevor. Fieberhaft arbeitete man an allen Ecken und Enden des weitverzweigt liegenden Bergstädtchens, die großartige Feier würdig zu gestalten.
Der Herzog von Marksuhl hatte sein Erscheinen zugesagt. Die Kur- und Wandelhalle, den modernsten Vorbildern ihrer Art prächtig nachgebaut, glänzte mit ihren Säulen und Vestibülen herrlich in den Kurgarten hinein. Zwei Orchester standen mit gezücktem Violinbogen und zu Fanfaren erhobenen Trompeten bereit, den Feiertag gebührend einzugeigen und einzublasen. Auf den Straßen sah man Fahnen des Landes, des Reiches und aller mitteldeutschen Städte; über die Feststraße hinweg spannten sich Girlanden mit Schildern, die überall ein herzliches "Willkommen" und ein "Grüß Gott" boten. Der Verkehr in der Residenz grenzte an das Fabelhafteste; von allen Seiten war man herbeigeeilt, den Tag zu einem außerordentlichen zu gestalten.
Was war der Anlaß zu diesem festlichen Treiben? Die herzogliche Residenz Stahlborn hatte einen Griff getan, das Glück bei den Hörnern zu packen und dem Ruhm einer Touristenstadt einen neuen Glanz als Kurstadt hinzuzufügen. Der Gemeinderat und der Stadtvorstand hatten beschlossen, eine seit Jahrhunderten bekannte heilsame Quelle aus dem Werratal herüberzuleiten und das kostbare Naß in der neuen Kurstadt den sicherlich zahlreich herbeieilenden Kurfremden anzubieten. Erprobte Hygieniker, bedeutsame Badeärzte hatten sich denkbar günstig über die Quelle geäußert. Für eine ganze Reihe von Krankheiten war sie als Gegenmittel erkannt und gepriesen worden. Der berühmte Hygieniker Dr. Bernfeld in Wiesbaden hatte eine Broschüre überzeugendster Art vom Stapel gelassen und die neue Quelle als Ausrottungsmittel aller Erkrankungen des Magens und der Därme, gegen Nierenleiden, Gicht, Rheumatismus, Fettsucht, Zuckerkrankheit, Ischias und ein halb Dutzend anderer Hemmungen körperlicher Gesundheit gepriesen.
Ein ausgezeichneter Architekt hatte, nachdem er die Kur- und Wandelhallen erster, moderner Bäder studiert, einen Bau in den wundervollen Kurpark gesetzt, dessen Schönheit noch künftige Geschlechter unbedingt loben könnten. Man hatte einen alten erprobten Offizier außer Dienst Kurdirektor engagiert. Die Überleitung der Quelle vom nahen Werratale war gut vonstatten gegangen und die beiden Orchester hatten bereits mehrfach elegante Proben ihres Könnens abgelegt. Es schien alles sich zu einem festlichen Tage erster Ordnung in Thüringer Landen vereinen zu wollen.
Ja, wie schon gesagt, sogar der regierende, jugendliche Herzog von Marksuhl, der sonst nur auf Paraden, Auerhahnbalzen und Rotwild-Jagden zu glänzen pflegte und der nur selten sich dem Volke zu zeigen beliebte, hatte sein Erscheinen in sichere Aussicht gestellt; und wenn auch der Termin der Kurbad-Eröffnung schon einmal vom 1. Juni zum 1. Juli, anläßlich der unerwarteten, plötzlichen Absage des Herzogs, hatte verschoben werden müssen, so machte doch der Kurdirektor mit sicherer Miene jetzt überall bekannt, daß nunmehr am 8. Juli des Jahres 1906 definitiv und sicher die Eröffnung des neuen Kurbades stattfinden würde, und zwar, todsicher beim seligen Schliffen!, in Gegenwart des regierenden Herzogs.
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Aber diese kleinen, immerhin peinlichen Verschiebungen des Termins waren nicht die einzigen Gefahren, die den Tag doch noch im letzten Augenblick in seiner großartigen Wirkung ernstlich und angelegentlich bedrohten.
Das war zuerst die Quelle selbst. Die zunächst namenlose Quelle war, zum Entsetzen sämtlicher am Kurbad A. G. beteiligten Personen, kurz vor der Einmündung in die Wandelhalle explodiert. Das Zuleitungsrohr war geplatzt und die Straße vor der Wandelhalle stand Dezimeterhoch unter Quellwasser. Nachdem man mit Mühe den Schaden repariert und in den nächsten Tagen nach diesem Ereignis die Quelle beinahe argwöhnisch betrachtet hatte, sprudelte sie plötzlich in merkwürdiger Färbung aus dem glänzenden Rohr unter der Kuppel der Wandelhalle hervor. War die Farbe der Quelle bislang undefinierbar gelb braun bis ockerfarben gewesen, so zeigte sie plötzlich eine klare bläulich-blaue Tinte. Der Kurdirektor, der Kurbadearzt, der berühmte NahrungsmittelChemiker der nahen Landesuniversität, sie wurden herbeigeholt, um das Phänomen zu begutachten. Es stellte sich heraus, dass freche Bengels der nahe gelegenen alten Stadt Kritzeberg in den Hochbehälter der Quelle bei Ramsborn nach Zertrümmerung der Tür eingedrungen waren, und daß sie das Wasser mit einer ungeheuren Ladung ausgequetschter Blaubeeren gestaunlich gefärbt hätten.
Aber diese Hemmung war nicht die einzige. Eine Kette weiterer Störungen stand wie ein Gewitter über dem kommenden, sonnigen Feste. Die Stadt Stahlborn hatte ihre Stadtmusiker zu einer Kurkapelle zusammengestellt unter Führung ihres Kapellmeisters Bonsack, und das der Wandelhalle nahe gelegener Kurhotel hatte ebenfalls ein Orchester engagiert, diesem den Namen Kur-Orchester gegeben und paradierte ebenso mit einem Orchesterleiter, dem Musikdirektor Hartleder. Seit dem 1. Juli war dieser Zustand gewissermaßen zweier Kur-Kapellen akut geworden und es war nicht zu vermeiden gewesen, dass die beiden Orchester sich wie grimme Feinde behandelten. Der Kurkapellmeister Bonsack hielt sich allein für den einzig berechtigten Kapellmeister, während der Kurmusikdirektor Hartleder, der mit einem größeren Orchester aufwarten konnte, sich für den künstlerischen Generalmusikdirektor der Residenz- und Kurstadt Stahlborn wertete. Man sprach bereits in allen Gassen der kleinen Residenz von handgreiflichen Meinungsäußerungen, die zwischen beider Orchester gefallen seien, und schilderte mit eindringlichen Worten, wie die beiden Dirigenten gleichsam wie Turnierritter gegeneinander häufig geladen seien. Vor allem aber war ein Streit entbrannt: wessen Orchester bei der Weihe der Quelle die Ehre haben sollte, die Kurmusik in Gegenwart des Herzogs auszuführen. Nach langen, schwierigen Verhandlungen, deren Vorsitz der Oberbürgermeister Dr. Fabrizius führte, war es gelungen, die beiden musikalischen Kämpen durch eine mittlere Proportionale zu einen: erst sollte beim Empfang des Herzogs die Kurkapelle, denn das Kurorchester und dann weiterhin abwechselnd in der gleichen Weise, und endlich, hoffentlich vereint, beide Orchester spielen.
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Doch alle diese Schwierigkeiten waren nichts gegen eine Erscheinung, deren Überwindung beinahe unmöglich schien. Es war ja, wie die kurfreundlichen Bürger frohlockten, alles da. Der Oberbürgermeister hatte seinen Willen durchgesetzt und den Gemeinderat von der geradezu glänzenden Zukunft des neuen Kurbades überzeugt. Man sah schon im Geiste Kurfremde, Kranke wie Gesunde, Scharen nach Stahlborn einziehen, um die Wunderquelle zu genießen und sich im Kurpark, in der Wandelhalle und im Kurhotel zu erquicken. Es war ja wirklich schon alles da, der Kurdirektor von Sander, ein gesellschaftlich äußerst vornehmer und gewandter Herr, die Kurkapelle, das Kurorchester, die Quelle selbst nicht zu vergessen, die man unter technischen Schwierigkeiten außerordentlich fein in die Stadt hineingeleitet hatte, und, gar nicht auszulassen, die prächtige Wandelhalle mit einem Säulenportikus von elegantester Wirkung. Endlich war ja auch noch das Kurhotel da, mit seinen famosen Terrassen und Estraden und seinem Festsaal, der zu den schönsten Sälen Mitteldeutschlands zählte.
Aber, aber! Eines fehlte und vielleicht das wichtigste. Das war eine gewisse Zahl von Kurgästen! Was sollte man dazu sagen, wenn in den ersten Wochen der Saison sich vielleicht ein Dutzend als richtiggehende Kurgäste in die Listen hatte eintragen lassen, und daß bei jeder Verschiebung des Eröffnungstermines die Zahl der Kurgäste sich um die Hälfte verminderte! Was soll man dazu sagen, daß der Kurdirektor von Sander schließlich seine Hauptaufgabe darin sah, die einzelnen Kurgäste zu ermahnen, doch ja bei der Stange zu bleiben und bis zum festlichen Termin unbedingt durchzuhalten. Es half nichts, die Zahl der Kurgäste verminderte sich immer wieder, wurde langsam wieder aufgefüllt, durch verwegene Werbungen vermehrt, um dann wieder zurückzufallen. Ja, der Kurdirektor war bereits soweit gesunken, um die Zahl der Kurgäste zu heben, daß er die Kurtaxe fallen ließ und das Ausharrenden noch vielerlei Vergünstigungen pekuniärer Art in Aussicht stellte. Nur sollten sie doch da bleiben, auf daß der regierende Herzog neben anderen Schönheiten des jungen Kurbades auch wirkliche und echte Kurgäste zu sehen bekäme. Man sprach in der Bürgerschaft bereits davon, daß abreisende Kurgäste von Herrn von Sander wieder vom Bahnhof unter den glühenden Versprechungen zurückgeholt worden seien, und dass auch der Herr Oberbürgermeister nicht verschmähe, durch persönliche Besuche die Kurgäste an die Fahne des Kurbades zu fesseln. Und in der Tat, am Eröffnungstage sprach man in der raunenden Bürgerschaft von zwölf, nach anderen Mitteilungen sogar von fünfzehn Kurgästen, die aus den entlegendsten Teilen Deutschlands herbeigeeilt seien, das Fest durch ihre Anwesenheit zu verschönen. Einige Zeitungsreporter verstiegen sich sogar, die Zahl auf das fabelhafteste bis zu fünfundzwanzig zu steigern, während ein Redakteur der vielgelesenen "Abendpost"zynisch lächelnd davon sprach, daß die Zahl der Kurgäste unter Brüdern die Zahl der Finger an der Hand nicht übersteige!
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Unter diesen Umständen war es nicht verwunderlich, dass der Morgen des 8. Juli mit ungeheurer Spannung von der Bewohnerschaft der Residenzstadt nicht nur, sondern auch von der herbeigeeilten Fremden aus den Nachbarorten, erwartet wurde. Um zehn Uhr sollte die Eröffnung in feierlicher Weise erfolgen. Die Straßen, die zur Wandelhalle führten, waren von tausenden von Menschen besetzt, vor der Wandelhalle selbst herrschte ein ungeheures Gedränge, dessen die Schutzleute der Residenz nur mit Mühe Herr zu werden versuchten. Ein Kanonenschuss von der nahe Burg sollte das Eintreffen des Herzogs verkünden. Hinter der Wandelhalle standen in Schlachtordnung die beiden Heerhaufen der Musizi, die Kurkapelle und das Kurorchester; an der Spitze der einen Legion kampfbereit Kurkapellmeister Bonsack, an der Tete der anderen Kohorte der Kurmusikdirektor Hartleder. Beide funkelnden Blicks, mit angezogenem Dirigentenstab bereit, ihre Tonwellen über die festliche Versammlung ergießen zu lassen. An der Freitreppe der Wandelhalle waren die Honoratioren der Stadt aufgestellt, an der Spitze der Oberbürgermeister Dr. Fabrizius, der Kurdirektor von Sander, der Kreisdirektor und, nicht zu vergessen, die Aktionäre des jungen Kurbades, unter ihnen der populäre Herr Weinschenk. In der Reihe der Honoratioren befand sich auch der lockenumwallte Nahrungsmittel-Chemiker der nahen Landesuniversität, Dr. Kiosk, mit heimlich unter dem Frack gezücktem Manuskript eines wissenschaftlichen Vortrags.
Es fing an zu regnen, erst leise und kaum wahrnehmbar, dann eindringlich und immer eindringlicher, schließlich goß es wie aus Mulden vom Himmel. Die versammelten, gewaltigen Menschenmassen sahen aus wie eine Testudo der Römer. Schirm an Schirm gelagert, war aller Farbenglanz aus der Menge gewichen, und man sah nur eine dunkle Masse glänzender Spannungen.
Da, ein Kanonenschuss - noch einer und ein dritter! Der Fürst hatte die Burg seiner Väter verlassen und strebte mit seinem schnellen 60-PS-Benz dem Ort der Feier zu. Die Schirme begannen zu wippen und sich zu bewegen, der Regen wurde fest noch intensiver.
Da, an der Krümmung der Straße tauchte das weiße Automobil des Herzogs von Marksuhl auf. Wie ein weißer Leopard hetzte er durch die Spalier bildenden, schirmbedeckten dunklen Massen. Dumpfe Hochrufe wurden laut. Die Schirme der Vornstehenden senkten sich zur Erde, damit die Spritzer des Automobils sie nicht trafen, die Dahinterstehenden hoben hier Schirme hoch, um besser sehen zu können und schimpften über die Vorderleute. Das Automobil spritzte, der Regen prasselte und fast wie eine Fanfare des Hohns klang das bekannte fürstliche Tatütata des brausenden Wagens weit in die Menge und in die Straßen hinein.
Das Auto hielt vor dem Portal, ein Kurdiener und ein herzoglicher Diener machten den Schlag frei, und unter den Hochrufen der Menge strebte der Herzog von Marksuhl, begleitet von dem Oberhofmarschall von Pfutsch, der Wandelhalle zu. Der Oberbürgermeister begrüßte den Fürsten und stellte den Kurdirektor, den Professor der Landesuniversität und sonstige Honoratioren dem Fürsten vor. Der Fürst drängte zum Portal, wandte sich dann und grüßte, nun zurück sich wendend, die dunkle Wand der brandenden Schirme. Die Rufe verstärkten sich. Der Herzog trug die Galauniform seines Regiments mit wallendem Helmbusch.
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Nachdem die Ovationen der Menge verrauscht waren, schritt der Fürst, begleitet vom Oberbürgermeister und dem Kurdirektor in die Halle. Der Kreisdirektor mit dem Oberhofmarschall folgten in den Raum, in dem die Rücken der dienernden Kurgäste - es waren wohl ein sogenanntes Bäderdutzend - auf und abwogten.
In diesem Augenblick ereignete sich etwas Seltsames. Die beiden Beherrscher der spielbereiten Musizi erhoben á tempo ihre Dirigentenstäbe und setzten, jenseits aller Abmachungen, gleichzeitig mit einem freurigen Marsch ein. Es war etwas überraschend für Musikfreunde, hier gewissermaßen einen musikalischen Versuch zu hören, der sich mit der Frage beschäftigte: in welcher Weise ist der Stregdaer Nationalmarsch musikalisch vereinbar mit den Klägen des Marsches aus Judas Makkabäus: "Tochter Zion freue dich."
Der Oberbürgermeister sowohl, wie der Kurdirektor sandten entsetzte Blicke gen Himmel und geradezu vernichtende Augen auf die beiden Dirigenten. Es nützte nichts, beide Kapellen spielten schwungvoll weiter.
Der Fürst schritt unterdessen unbeirrt durch die Wandelhalle und blieb unter der hohen Kuppe der Portikushalle stehen. Die Suite der geladenen Gäste bildete in respektvollem Abstande einen Kreis um den hohen Herrn.
Der Oberbürgermeister Dr. Fabrizius trat dem Fürsten entgegen und verbeugte sich tief. Es warf, nachdem er sich aufgerichtet hatte, wiederum tödliche Blicke in die Gegend, wo die beiden Orchester noch immer lärmten, sah aber das Nutzlose seiner Bemühungen endlich ein und begann mit dröhnender Stimme dem Fürsten herzliche Begrüßungsworte zu sagen. Er bat um die Erlaubnis, dem Fürsten einen Ehrentrunk reichen zu dürfen, den er aus den Händen des Kurdirektors von Sander entgegenzunehmen bitte. Zu gleicher Zeit aber auch erbat er sich von dem Herzog die Genehmigung, die Quelle nach der hohen Gemahlin des Fürsten der Herzogin Alexandra, - Alexandrinenquelle nenen zu dürfen.
Der Herzog sprach in kurzen Worten den Bitten Gewährung und erkundigte sich huldvollst nach der Zahl der bereits vorhandenen Kurgäste. Der Kurdirektor stammelte errötend, dass bereits das erste Dutzend wesentlich überschritten sei. Er winkte zu gleicher Zeit dem Kurdiener Wilß, der durch die Menge der Kurgäste mit einem Becher schwankend sich den Weg zu bahnen versuchte.
In diesem Augenblick verstimmten die beiden Kapellen, und man hörte deutlich den angstvollen Ruf eines Wissenden: "Donnerwetter, der Becher ist ja viel zu voll!" Es nutzte nichts, der Becher nahm seinen Unglücksweg durch die Menge der Honoratioren und der Kurgäste, er wurde von dem Kurdirektor genommen und dem Fürsten gereicht. Der aber nahm seinen federumwallten Helm ab, ergriff mit fester Hand und starren Auges den gefüllten Becher und rief mit starker Stimme in die Festversammlung: "Ich leere den Becher auf das Wohl der hohen Frau, deren Namen die Quelle tragen soll!"
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Ein donnernder Tusch der Musikkapellen begleitete, vereint mit brausenden Hochrufen der Umstehenden, die Worte des Fürsten. Der aber stürzte mit hastigen Zügen den Becher hinunter, machte die Nagelprobe und reichte den Pokal unter großem Beifall der festlichen Korona dem Kurdirektor zurück, der dem Vorgang nur mit bleichem Entsetzen folgen konnte. Wußte er doch wohl allein von allen Festteilnehmern, daß der Becher nicht etwa einen Ehrentrunk edlen Rheinweines dem Fürsten geboten hatte, daß vielmehr der Pokal mit Alexandrinenquelle bis zum Rande gefüllt war. Das war der verdammte Kurdiener Wilß gewesen, der entgegen seinem Befehl, den Becher in so riesigem Ausmaße gefüllt hatte.
Der Fürst stülpte wieder den Helm auf sein jugendliches Haupt und schaute sich die festliche Menge interessierten und unbefangenen Auges an. Da trat, wie das Programm es befahl, der Professor der Landesuniversität Dr. Kiosk, aus dem Kreis der Harrenden heraus, lüftete das knisternde Manuskript und begann eine Vorlesung über die Großartigkeit der Quelle, ihre vortreffliche chemische Zusammensetzung und ihre geradezu epochalen Heilwirkungen. Es sei eine vulkanische Kochsalzlösung mit Schwefelsäure und Chlorkalzium, Lithium; von solcher hervorragenden Zusammensetzung, dass sie selbst bekannten Quellen ebenbürtig an die Seite gestellt werden könnte. Mit glühenden Worten entwarf er eine Schilderung aller Krankheiten, die mit Hilfe der Quelle unbedingt zu vertreiben wären. Vor allem aber pries er ihre geradezu überwältigende, fast augenblicklich einsetzende durchschlagende Wirkung, so zwar, daß...
Der Professor konnte nicht weitersprechen, der Herzog von Marksuhl wandte sich mit einer dem Redner gewidmeten kurzen Verbeugung zur Seite ab und bat dann den Oberbürgermeister, ihn in die Frühstückshalle zu führen, allwo ja programmgemäß ein Dejeuner von der Stadt geboten werden sollte, gleichsam zur Erfrischung, zur Erholung von dem Aktus und zur Erhöhung der festlichen Stunden.
Unter den Klängen des Liebingsmarsches seiner Hoheit: "Weidmannsheil" - der diesmal nun wirklich und endlich vereint von beiden Kapellen gespielt wurde - setzte sich der Zug in Bewegung, in dessen Mitte man einen Schatten wanken sah, den Kurdirektor von Sander, der beinahe seinen Tod vor Augen fühlte. Mein Gott, mein Gott, was sollte das werden? Er hatte soeben den verdammten Kurdiener Wilß gefragt, und der hatte im eingestanden, dass er dem Pokal mindestens ein halbes Liter Alexandrinenquelle einverleibt hätte. Mein Gott, mein Gott, was sollte das werden! Wie konnte auch nur der Fürst glauben, es sei ein Ehrentrunk edlen Weines, was man ihm böte; da es doch ein halbes Liter Alexandrinenquelle gewesen war! Mein Gott, mein Gott, wie sollte das enden? Und dazu noch der blöde Vortrag des Dr. Kiosk.
Unterdessen hatte die Kavalkade den Frühstücksraum erreicht und sich an dem Tisch hinter den Stühlen placiert. Der Herzog nahm an der Spitz der Tafel, eingerahmt vom Oberbürgermeister und dem Kurdirektor, Platz. Man ließ sich möglichst geräuschlos nieder, die Bilde dem Herzog zugewandt. Der sprach kein Wort. Neben ihm, ein Schatten seiner selbst, der Kurdirektor, der nicht wagte, den Fürsten anzusehen. Die ganze Tafelrunde schwieg, als ob ein Leutnant seine Schulden bezahle. Diener traten herzu und reichten eine Schildkrötensuppe.
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Wie wesenlos starrte der Fürst auf seinen Teller. Man bemerkte, wie ihm der Schweiß aus allen Poren seinen Antlitzes hervorbrach, und wie der Herzog vergeblich sich mühte, mit seinem Taschentuch die Spuren zu verwischen. Ein plötzlicher Wink nach dem Oberhofmarschall; der lief zu seinem Fürsten und dann hinaus. Man hörte draußen das Donnern des ankurbelten Motors des großen Wagens.
Dann stürzte der Oberhofmarschall zurück zur Tafel. Da erhob sich wie ein Blitz der Fürst, griff nach seinem Helm und mit irren Augen, beinahe drohend, die Gesellschaft streifend, preßte er hervor: "Es ist mir leider unmöglich, meine Herren, hier länger zu verweilen, ich danke !"
Und während alles entsetzt von den Stühlen aufgesprungen war und dem enteilenden Fürsten auf das tiefste erschüttert nachschaute, stöhnte in die furchtbare Stille der erstarrten Korona eine verzweifelte Stimme: Ein halbes Liter Alexandrinenquelle, mein Gott, mein Gott, wie soll das enden!
In diesem Augenblick setzten wiederum die vereinten Kapellen ein und schmetterten jauchzend in die Halle, in den Saal und in die davor harrenden Menschen hinein, es klang wie zum Hohn, dem abreisenden Fürsten nach: "Wohlauf noch getrunken, den funkelnden Wein, ade nun ihr Lieben, geschieden muß sein..."
Der Herzog aber fuhr im 80-km-Tempo durch die erstaunten, noch immer harrenden Massen auf die Burg seinen Ahnen und während nun in dem Eßraum der Wandelhalle des Kurbades Stahlborn eine grenzenlose Verwirrung unter den Festteilnehmern eingerissen war, und während man nicht wußte, ob man die Feier abbrechen oder mit höchstem Galgenhumor weiterführen sollte, da mußte - mußte -der Herzog von Marksuhl, in seiner Burg, auf dem Throne seiner Väter sitzend, viele Stunden darüber nachdenken, wie sehr doch der Professor Dr. Kiosk Recht hatte, wenn der von einer fast augenblicklich einsetzenden, durchschlagenden Wirkung der Quelle gesprochen hatte...
Das ist nunmehr denn 25 Jahr her; aber es steht alles noch so deutlich vor mir, als ob es gestern geschehen sei. Den damals so jugendlichen Herzog von Marksuhl deckt längst der Rasen. Die Alexandrinenquelle aber sprudelt noch und ebenso lebt die Wandelhalle, der Ort des Geschehens ist die kleine Residenzstadt Stahlborn. Nur nennt man das segenspendende Naß nicht mehr Alexandrinenquelle, sondern etwas modernisierend und nach ihrer außenordentlichen Wirkung sie wertend:
Nurmi-Sprudel
Aus "Lachende Heimat" von Herrmann Nebe mehr . . .
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